Geschichte(n) aus 20 Jahren Integrationsförderung ,
Modellprojekt Männerkurse: Empowerment für Männer ,
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördert seit vielen Jahren unter dem Programmtitel "Migrantinnen einfach stark im Alltag", kurz "MiA", Integrationsangebote, die sich in geschütztem Rahmen speziell an zugewanderte Frauen richten. In drei MiA-Modellprojekten, die zwischen 2021 und 2024 erprobt wurden, wurde evaluiert, ob sich das Kurskonzept auch auf die männliche Zielgruppe übertragen lässt. Die Ergebnisse wurden Ende November 2024 auf der Fachtagung "Empowerment für Männer? Erfahrungsaustausch zu geschlechtsspezifischen Integrationsangeboten für männliche Zielgruppen" in Berlin vorgestellt.
Die Fachtagung, veranstaltet vom Institut für Interkulturelle Kommunikation Berlin e.V., brachte zahlreiche Expertinnen und Experten aus Theorie und Praxis der Männerarbeit zusammen. Unter Männerarbeit versteht man zum Beispiel Angebote, die dazu beitragen sollen, traditionelle männliche Rollenbilder zu verändern und die geschlechtsspezifischen Handlungsmöglichkeiten in der Gesellschaft zu erweitern beziehungsweise auszubalancieren.
So ist Männerarbeit kein Gegensatz zu geschützten Angeboten für Frauen, sondern kann vielmehr als Ergänzung verstanden werden, um Männern und Jungen in geschützten Räumen die Möglichkeit zu geben, Geschlechterrollen und -traditionen zu hinterfragen, Gefühle und Emotionen zu verbalisieren und mit tradierter Männlichkeit zu brechen.
Neue Formate ergebnisoffen erproben
In der Regel richten sich die Integrationsangebote des Bundesamtes nicht an geschlechtsspezifische Zielgruppen. Eine Ausnahme bilden hierbei schon seit 2005 gesonderte Formate für Frauen. In den MiA-Kursen beispielsweise können Frauen in sicherem Umfeld Deutsch lernen, sich über ihren Alltag in Deutschland austauschen und bei Exkursionen Wissen erwerben sowie anwenden – all dies in geschlechtsgeschützten Räumen und unter Anleitung einer weiblichen Kursleitung. Dabei sind die Zugangsvoraussetzungen äußerst niederschwellig und unabhängig vom Sprachniveau. Seit vielen Jahren werden die Frauenkurse des Programms "Migrantinnen einfach stark im Alltag" bundesweit erfolgreich umgesetzt.
Daraus resultierte in der Vergangenheit immer wieder die Frage, ob und wenn ja wie ein vergleichbares Angebot für Männer ausgestaltet werden sollte.
Um dieser Frage nachzugehen, boten Eleganz Bildungsplattform e. V., der Freundeskreis Asyl Karlsruhe e. V. und die Volkshochschule Meppen gGmbH in Kooperation mit vielen weiteren Trägern im Rahmen von Modellprojekten zwischen 2021 und 2024 erstmalig bundesweit Männerkurse an. Während der dreijährigen Laufzeit der Modellprojekte fanden insgesamt rund 270 Männerkurse statt. Davon wurden über 150 Kurse evaluiert und dabei Daten von rd. 1.300 Teilnehmern ausgewertet.
Austausch zu geschlechtsspezifischen Integrationsmaßnahmen
Die Ergebnisse der Evaluation waren Anlass für die Tagung "Empowerment für Männer?", die Ende November 2024 vom Institut für Interkulturelle Kommunikation (IIK) in Berlin ausgerichtet wurde. Rund 80 Expertinnen und Experten zum Thema Männerarbeit nahmen an der Fachtagung teil, darunter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso wie Kursleiter und Akteurinnen und Akteure migrantischer Organisationen.
Dr. Barbara Thiel (Steuerung und Qualitätssicherung der Projektarbeit, Integration durch Sport) resümierte in ihrem Eingangsvortrag: "Die Nachfrage nach einem niederschwelligen Angebot für Männer war in den Modellprojekten enorm. Jedoch zeigt die Evaluation, dass sich sowohl das Konzept der MiA-Kurse als auch die Rahmenbedingungen nicht ohne Weiteres übertragen lassen, sondern hier eine Adaption speziell für Männerkurse notwendig ist." So erscheine die Bedeutsamkeit eines gleichgeschlechtlichen Raums in der Männerarbeit weniger selbstverständlich. Gleichzeitig könnten spezielle Männerkurse den Raum dafür bieten, sensible Themen unter Männern konstruktiv zur Sprache zu bringen. Dazu bedürfte es insbesondere entsprechend geschulter Kursleitungen.
Nach den theoretischen Einblicken in die Erprobung der Männerkurse im Rahmen der Modellprojekte berichteten exemplarisch zwei Kursleiter von ihren Erfahrungen in den Kursen.
Mahmut Smu, Männerkurs-Leiter aus Osnabrück, kam zu dem Schluss: "Auch Männer brauchen im Alltag Unterstützung, Weiterbildung und Hilfe, wenn sie nach Deutschland kommen. Dafür brauchen sie spezielle Angebote, genau wie Frauen auch."
Das Fazit von Amanos Mohammad von der Landesfachstelle Jungen- und Männerarbeit Sachsen e. V. fällt nach Ende der Modellprojekte ähnlich aus:
"Aus meiner Erfahrung im Beratungskontext sind solche Kurse notwendig – nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu MiA. Zu erleben, wie die Männer in den Kursen ankommen, sich orientieren und auch den Rahmen hatten, sich in geschütztem Raum über Themen wie Rassismus auszutauschen, war besonders wichtig."
Dr. Anja Böttinger (Institut für Interkulturelle Kommunikation e.V. Berlin) im Gespräch mit Mahmut Smu und Amanos Mohammad (v. l. n. r.)
Quelle: © BAMF
Männerarbeit im Kontext Migration
Aus wissenschaftlicher Perspektive erläuterten Prof. Dr. Michael Tunç von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und Markus Theunert vom Schweizer Dachverband männer.ch die Herausforderungen und Ziele der Männerarbeit. "Das Thema Männlichkeit muss gesamtgesellschaftlich bearbeitet werden. Das heißt, dass auch Regelangebote für Männer mit Migrationsgeschichte langfristig etabliert werden sollten"
, sagte Tunç. "Die Spannungsfelder zu identifizieren, zwischen den Erwartungen der Gesellschaft an Männer und Jungen und umgekehrt, sei die große Herausforderung der Männerarbeit,"
ergänzte Theunert.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigten eindrücklich die Vertreterinnen und Vertreter der Projekte und Angebote, die nach der Mittagspause auf dem Markt der Möglichkeiten vorgestellt wurden.
Sonia Koul, Leiterin des Teams Frauen und Familie des Österreichischen Integrationsfonds, berichtete, dass geschlechterspezifische Angebote für männliche Migranten in Österreich bereits in der staatlichen Integrationsförderung etabliert sind
Quelle: © BAMF
Kazım Erdoğan, Initiator der ersten türkischsprachigen Selbsthilfegruppe für Männer in Deutschland, der seinen Verein Aufbruch Neukölln e.V. vorstellte, beschrieb die Funktion der Gruppe: "In unserer Männer- und Vätergruppe können die Teilnehmer offen zu diskutieren.“
Quelle: © BAMF
Senay Awad vom Sozialdienst Muslimischer Frauen e.V. betonte, dass Frauenarbeit und Männerarbeit Hand in Hand gehen müssen, um Veränderung zu bewirken.
Quelle: © BAMF
Amanos Mohammad leitete nicht nur die Männerkurse in Dresden, sondern ist auch der Projektkoordinator von “Bruder, was geht?!”, einem Projekt, welches an mehreren Standorten in Sachsen Bildungsangebote und Aktivitäten zur Freizeitgestaltung für Jungen und Junge Männer of Color entwickelt
Quelle: © BAMF
Kleine Schritte, aber in die richtige Richtung
Abschließend trafen auf dem Podium mit Sonia Koul (Österreichischer Integrationsfonds), Zakia Chlihi (ehemalige Leiterin des für die MiA-Kurse zuständigen Referats – Steuerung und Qualitätssicherung der Projektarbeit, Integration durch Sport im BAMF), Prof. Dr. Michael Tunç und Kazım Erdoğan (Initiator und Vorstand von Aufbruch Neukölln e.V.) vier Expertinnen und Experten aus Theorie und Praxis der Integrationsarbeit aufeinander, um die "Zukunft geschlechtsspezifischer Angebote" zu diskutieren.
Alle Teilnehmenden der Veranstaltung sind sich einig, dass der Bedarf nach geschlechtsspezifischen Integrationsangeboten für Männer vorhanden ist und weitergedacht werden muss. Jedoch ist es wichtig, die Konzepte fundiert auszuarbeiten und hierbei die Zielgruppen von Anfang an mit einzubeziehen. Außerdem wurde deutlich, wie wichtig der Einsatz spezifisch ausgebildeter Kursleiter und die Schaffung eines entsprechenden Qualifizierungsangebots sind. Um eine Stigmatisierung zu verhindern und den unterschiedlichen Bedarfen gerecht zu werden, sollte Männerarbeit nicht nur aus dem Migrations- und Integrationskontext, sondern gesamtgesellschaftlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Kazım Erdoğan fasst den Bedarf von migrantischer Männerarbeit im Rahmen der Podiumsdiskussion zusammen, er wünscht sich mehr Austausch zu dem Thema: "Wir haben 60 Jahre lang ÜBER männliche Zugewanderte gesprochen. Wir müssen anfangen, MIT ihnen zu sprechen, damit sich Vorurteile abbauen können."
Sonia Koul, Kazım Erdoğan, Prof. Dr. Michael Tunç und Zakia Chlihi (von links nach rechts) diskutierten zum Abschluss der Fachtagung die Zukunft der Männerarbeit im Kontext von Migration und Integration.
Quelle: © BAMF
Blätterfunktion
Inhalt
- Modellprojekt Männerkurse: Empowerment für Männer
- Preise für Projekte des Miteinanders
- Eine Stadt wächst zusammen
- "Ich weiß noch, was mir beim Lernen geholfen hat"
- Wandern für Integration und Inklusion